Nettes, Nachdenkliches und Informatives aus dem Corgi-Leben




Das Model und die Kamera



Die Geschichte ist ein bisschen peinlich, deshalb sind alle Namen so verändert, dass man gar nicht darauf kommen kann, wer gemeint ist...

Bei Familie Meier lebt ein Pembroke-Trio, bestehend aus dem souveränen alten Herrn Lorenzo und seinen beiden Töchtern Lady und Nanni. Üblicherweise sitzen die Drei einmal im Jahr Modell für die traditionelle Weihnachtskarte, lächelnd und vor der schön geschmückten Haustüre.

Doch warum nicht mal etwas anderes probieren?

Im Nachbarort lockte ein Fotostudio mit stets ausgesucht schönen Hundeportraits im Fenster.
Das ist nicht selbstverständlich, denn viele Fotografen haben überhaupt keine Ahnung davon, wie man einen Hund gut in Szene setzt, die Ergebnisse sind dementsprechend. Frau Meier war schon oft vor dem Schaufenster stehen geblieben, und nun ging sie in den Laden und machte einen Termin aus. Pünktlich trat man an, die Hunde frisch gebürstet, huschte im natürlich strömenden Regen so schnell wie möglich ins Trockene, richtete erneut die Frisur (der Hunde) und los ging´s.

Ja, oder eben auch nicht.

Lorenzo und Nanni können einer Kamera nicht widerstehen.
Kaum sehen sie ein Objektiv auf sich gerichtet, schon heißt es „Brust raus, Bauch rein und lächeln!“.

Nicht so Lady. Äh, es gibt nichts Fürchterliches als diese blöden Kameras. Da hängen gleich mal die Ohren in einer waagerechten Linie mit der Stirn, man sperrt sich nach Kräften, auch nur auf den zugewiesenen Platz zu gehen. Ein schlichtes „Sitz“ kann ja eigentlich nicht so schwer sein. Doch muß man feststellen, dass nur der Kontakt von Pfoten und Hosenboden mit dem Untergrund noch lange kein „Sitz“ ausmacht. Man kann mit dem Rücken zur Kamera sitzen, man kann die Vorderbeine grotesk abgewinkelt als offenbar furchtbar verkrüppeltes „X“ drapieren, man kann blinzeln, den Kopf hängen lassen, kraftlos zu Boden sinken etc.

Der Phantasie eines Corgis sind da kaum Grenzen gesetzt. Jedes Sofakissen lässt sich mit ein paar gezielten Knüffen und Püffen und Handkantenschlägen adrett zurechtrücken, beim Hund verbietet sich diese Methode. So versucht man also mit positiver Motivation das unwillige Model in Laune zu bringen. Nur vier Menschen versuchten dies im Studio. Man hopste, wedelte mit Quietschies, machte allerlei possierliche Geräusche, doch da saßen wie angenagelt zwei strahlende Corgis und deutlich abseits ein missgelaunter Trauerkloß.

Vielleicht klappt es ja mit Bestechung?

Man lief schnell zum Metzger und beschaffte feinste Fleischwurst. Zwei Hunde hatten inzwischen Muskelkater in den steif aufgerichteten Ohren und ein Ziehen im schräg gelegten Hals – Nr.3 guckte verdrossen auf die Köstlichkeit. Nach einer Stunde gab man auf und betrachtete die Ausbeute. Es gab exzellente Portraits von Lorenzo und Nanni, aber bei den eigentlich gewünschten Gruppenbildern konnte nur das allererste halbwegs als akzeptabel gelten. Der Fotografin allerdings gefiel die so unkooperative Lady so gut, dass sie demnächst einen Hausbesuch bei Meiers machen will. Dort soll Lady dann im Freien abgelichtet werden.

Na, dann wünschen wir Waidmannsheil!

Lady ist kein Einzelfall. Fuchsi lebt im Haushalt einer begeisterten Hobbyfotografin und war eigentlich von Babybeinen an daran gewöhnt, dass Frauchen mit dem schwarzen Glotzauge bäuchlings auf dem Teppich liegt, um Klein-Fuchsi bei jeder Gelegenheit zu fotografieren. Wann genau Fuchsi beschloß, nun seien genug Bilder von ihr in Umlauf, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

Jedenfalls entwickelte Fuchsi ihre ganz eigenen Techniken der Sabotage.
Während bereits zwei erwartungsvolle Mithunde hübsch drapiert sitzen, schlurft Fuchsi unter ununterbrochenen Anfeuerungen durch Mama im Schneckentempo zum Schafott (so könnte man meinen), um ermattet bereits einen Meter vorher zusammenzusinken. Heftigstes Locken ringt ihr einige weitere Schritte ab, bevor sie umständlich so zwischen den Genossinnen durchsteigt, dass diese um ihr Gleichgewicht ringen und nun ihrerseits schief dasitzen. Aufatmend lässt sich Fuchsi nun mit dem Rücken zur Kamera nieder. So geht´s ja nun nicht, man hebt das maulende Tier hoch und setzt es richtig herum in die Reihe.
Naja, sooo krumm sind die Beine sonst nicht, und so schwer ist der Kopf ebenfalls ganz bestimmt nicht.
Aber meinetwegen, besser als gar nichts. Doch kaum hat der Fotograf seinen Platz eingenommen, sinkt Fuchsi gekrümmt zusammen in ein „Bandscheiben-Aua-Platz“. Schnell zurück, den schlaffen Hund nun etwas unwirsch am Halsband hochgezogen, zurück an den gewählten Standpunkt und ... in der Musik stände hier „da capo“.

Oft ist es hilfreich, wenn ein zweiter Mensch die Animation der Hunde übernimmt.
Der Fotograf kann sich auf´s Motiv konzentrieren, der Animateur hüpft wie ein Hampelmann hinter dem Fotografen herum, wedelt mit Würstchen, wirft sein Käppi oder jongliert mit Bällen.
Es gibt nur wenige Hunde, die dabei deprimiert ihre Krallen begutachten – Fuchsi ist so ein Exemplar.

Inzwischen hat die Fotografin die Technik verfeinert. Sie kann mit einer Hand die schwere Kamera halten und mit der anderen Käsewürfel schwenken, einen Reißverschluß öffenen (klingt nach Leckerlie-Bauchtasche) oder mit einer Tüte rascheln.
„Jetzt kommt.wieder die Nummer“ scheint Fuchsi zu denken und fährt härteres Geschütz auf: sie beginnt zu blinzeln. Die digitale Canon kann bis zu 6 Bilder pro Sekunde schießen, doch Fuchsi blinzelt dann eben sechsmal pro Sekunde. Timing ist alles!

Und wenn das alles nicht hilft, gibt es noch den absoluten Knaller:
Fuchsi kann das dritte Augenlid über das Auge ziehen. Das verleiht ihrem Silberblick endgültig eine bizarre Note. Okay, dann eben Portraits von den beiden anderen, und von den 118 Versuchen eines Gruppenbildes wird das am wenigsten blöde ausgewählt...

Es gibt trotzdem einige Starportraits von Fuchsi.
Sie wurden gemacht mit dem großen Teleobjektiv aus ca. 15 Meter Entfernung, während die Fotografin vorgab, nicht etwa die störend im Weg sitzende Fuchsi (das macht sie nämlich auch gerne!), sondern den Baum daneben zu fotografieren.
„Schwenk und zack“, heißt die Devise. Doch selbst diese Methode klappt nicht immer.
Fuchsi merkt genau, wenn Mama mit dem schwarzen Ding hantiert und lässt sie dann nicht mehr aus den Augen. Man muß schon eine Stunde oder so Geduld haben, bis Fuchsi den Feind vergessen hat und versehentlich aufmerksam guckt, wenn Mama raschelt.Es heißt ja nicht umsonst „Foto-Pirsch“!

Nr. 3 der mir bekannten Fotomuffel nennen wir hier mal Franz.
Von ihm gab es schon in Babytagen fast kein gescheites Foto, aber richtig zum Verweigerer wurde er anlässlich von Familienbildern bei späteren Treffen. Er rannte davon. Na, da kann man mit einer Leine Abhilfe schaffen!
Denkste.
Franz warf sich verzweifelt in die Leine, strangulierte sich schier und hing weit aus dem Bild heraus mit hängender Zunge und sich stemmenden Pfoten. Abwarten, der beruhigt sich schon! Ja, aber nur in einer absolut unmöglichen „Kein Kuß für Mutter“-Pose (kennen Sie das Buch von Tomi Ungerer?)
Franz lässt sich nur aus großer Distanz fotografieren, und das auch nur, bis er es bemerkt. Das Interessante an Lady, Fuchsi und Franz ist die Verwandtschaft der Drei: Nichte und Tante bzw. Mutter und Sohn bzw. Cousin und Cousine.

Vielleicht sollte man mal nach dem Gen für Unfotogenität suchen?
Bis dahin hilft nur eins: noch hartnäckiger und schlauer sein als das Model – dann mal viel Glück!


Text: ARo     

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